Tanias Hafi-Blog

Hier berichtet Tania Konnerth regelmäßig über Ideen und Erkenntnisse aus der Aus- und Weiterbildung ihrer beiden Haflinger. HINWEIS: Bei längeren Beiträgen wird hier in der Übersicht immer nur der erste Teil angezeigt – klicken Sie dann bitte jeweils auf den Link “Den ganzen Beitrag lesen”.

Freiarbeit und Freiheitsdressur?

Ich habe hier ja schon einiges von meiner Art der Freiarbeit mit den Jungs gezeigt. Nun werde ich immer wieder auf das Thema angesprochen und da fällt oft auch der Begriff “Freiheitsdressur”.

Für mich besteht ein deutlicher Unterschied zwischen “Freiarbeit” und “Freiheitsdressur”. Ob die Pferde nun zirkeln, ob sie mit dem Menschen rennen, ob gespielt oder gehüpft wird – das ist für mich alles Freiarbeit. Aufhören tut Freiarbeit für mich da, wo es um eine punktgenaue Abrufbarkeit geht, also wenn der Mensch ein Zeichen gibt und das Pferd dann etwas Bestimmtes zu tun hat. Das bezeichne ich dann als Freiheitsdressur.

Nach meiner Auffassung lässt die Freiarbeit viel mehr Raum für Vorschläge und Energien vom Pferd, während in der Freiheitsdressur das Pferd punktgenau Lektionen ausführen soll. Für mich ist das ein grundsätzlich anderer Zugang und auch eine andere Zielsetzung.

In der Freiheitsdressur beeindruckt die meisten Menschen vor allem die Punktgenauigkeit, mit der die Pferde Lektionen auch aus großer Distanz ausführen. Sie gehorchen gleichsam aufs Wort. Jean François Pignon arbeitet zum Beispiel so und das mit spektakulären Ergebnissen.

Die Freiarbeit, so wie sich sie verstehe, hat ein anderes Ziel. Die Lektionen selbst stehen nicht im Vordergrund. Viel wichtiger ist mir die Beziehungspflege. Es geht um Kommunikation, um das Miteinander, darum, (m)ein Pferd kennen zu lernen. Und es geht darum, dass es wachsen darf durch die Arbeit, stolz werden und stolz sein soll. Wenn es gut läuft bei der Freiarbeit, hat man meiner Erfahrung nach ein selbstbewusstes Pferd, das einen respektiert und das sehr zufrieden mit sich selbst ist.

Mit dem arbeiten, was da ist

Die Grundmotivation in der Freiarbeit, wie ich sie verstehe, ist Folgende: Ich schaue, was da ist und arbeite damit. Sprich: Ich versuche als erstes herauszufinden, wie das Pferd gerade drauf ist.

  • Ist es lustig und lebhaft?
  • Ist es eher in sich gekehrt und müde?
  • Ist es neugierig oder eher ängstlich?
  • Usw.

Die erste Phase ist also ein Beschnuppern – und im Grunde jedes Mal neu, wenn ich mit dieser Arbeit beginne, denn auch Pferde haben ihre Stimmungen und sind nicht immer gleich gelaunt.

Wenn ich dann mit der Arbeit beginne habe ich nicht zwingend das Verkleinern oder das Angaloppieren im Kopf, sondern greife die Bewegungslust auf und spiele dann damit. Klar frage ich auch nach bestimmten Sachen an, muss mich dann aber mit einem “Nein” auseinandersetzen und zwar dergestalt, dass ich dann gefordert bin, mir was einfallen zu lassen, wie ich es vielleicht doch erreichen kann. Ich setze es aber nicht als Befehl in den Raum und strafe ein Nichterfüllen nicht ab. Ein “Nein” meines Pferdes ist bei dieser Arbeit vollkommen ok.

Und genau das ist das Schöne, finde ich: Ich erlaube meinem Pferd, in der Freiarbeit ausdrücklich mitzugestalten. Ich will nichts Abrufbares, ich will ein Miteinander. Ich möchte etwas Gemeinsames, etwas, das wir zusammen erarbeiten. Dazu muss ich aber meinem Pferd eigene Ideen lassen und diese auch annehmen.

Es gibt kaum etwas so Spannendes, wie zu erleben, wenn Pferde plötzlich eigene Ideen haben und diese freudig präsentieren. Meine Erfahrung ist dabei nicht die, dass sie damit unkontrollierbar werden, ganz im Gegenteil – diese Arbeit schafft Vertrauen und Respekt auf beiden Seiten.

Natürlich muss man für diese Arbeit ein Grundwissen über Pferde haben und man sollte sich sicher auch gut überlegen, mit welchem Pferd man das macht und mit welchem lieber nicht. Darüber hinaus ist es unerlässlich, von Beginn an konsequent auf die Einhaltung des eigenen Individualraums zu achten. Und – und das ist vielleicht das Wichtigste – man sollte sich darüber klar sein, dass man durch diese Art der Arbeit einiges in Bewegung bringen kann was die eigene Beziehung zum Pferd angeht.

Manch ein Pferd beginnt nachzufragen, ein anderes reagiert erst einmal unsicher, wieder andere entdecken ihre Freude am Spiel und der Bewegung. All das führt dazu, dass man manches Mal selbst verblüfft und ja, auch unsicher ist. Da es sich um ein Miteinander handelt, gibt es keine klaren Vorgaben, wie man worauf zu reagieren hat. Das ist spannend, manchmal aber auch ganz schön aufwühlend für einen selbst.

Während in der Freiheitsdressur (wie ich sie verstehe), selten Grundsätzliches an der Beziehung verändert wird, da das Pferd dazu erzogen wird, auf bestimmte Zeichen bestimmte Dinge zu tun, ist die Freiarbeit (wie ich sie kennen gelernt habe) schon mit dem ersten Schritt ein (Beziehungs)Abenteuer.

freia.jpg

Und genau das macht für mich den Reiz aus.

17. Juni 2010 von Tania • Kategorie: Freiarbeit 4 Kommentare »

Es geht auch anders!
Tipps, Ideen und Übungen für mehr Harmonie, Spaß und Verständigung mit dem Pferd

350 Seiten Praxiswissen für einen pferdegerechten Umgang bequem als PDF zum Herunterladen. Thematisch sortiert, praktisch präsentiert und mit vielen Fotos illustriert.
Für mehr Infos hier klicken.

 

4 Reaktionen zu “Freiarbeit und Freiheitsdressur?”

 

Von Evelyn • 17. Juni 2010

Liebe Tanja

Ein toller Artikel! Kompliment! Du hast den Unterschied sehr schön dargelegt. Irgendwie war mir dieser Unterschied nicht so bewusst, obwohl ich selber viel Freiarbeit mit meinem Pferd mache – wirklich Freiarbeit, nicht Freiheitsdressur.
Ich sehe mich dann nicht als “Dompteur”, sondern in der Freiarbeit FRAGE ich mein Pferd (Z.B.: “Kannst du das Übertreten auch frei machen?”) oder MACHE VORSCHLÄGE (“Probieren wir mal dies, oder das,…?”). Dabei finde ich es wichtig, dass das Pferd nie unter Druck steht.

Bei mir selbst habe ich beobachtet, dass ich in der Freiarbeit die Hilfen wirklich als “Hilfen”/Hilfestellungen gebe, nicht als Befehl. Diese Einstellung und Leichtigkeit sollte man eigentlich in möglichst alles im Umgang mit dem Pferd übernehmen! Doch mir fällt das auch nicht immer so leicht… Da ist noch eine Baustelle bei mir.. ;-)

Liebe Grüsse
Evelyn

___________________________

Ach schön, Evelyn, genau um solche Gedanken ging es mir. Und jep, ich bin da selbst auch dran!
Tania

 

Von no0815girl • 17. Juni 2010

Ein schöner Artikel, wie immer!
Ich habe auch schon ein paar Mal Freiarbeit gemacht, ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein. Manchmal, wenn ich gar keine Lust auf Reiten oder richtiges “Arbeiten” hatte, liess ich sie einfach frei laufen und dabei passieren immer wieder die erstaunlichsten Dinge, mit denen ich gar nicht gerechnet hätte. Der Beziehung zum Pferd tut dies wahnsinnig gut! Und ich merke jedes Mal wieder, wie wenig es eigentlich braucht, wie wenig an Körpersprache, an Stimme – manchmal reicht einfach nur denken.

Meist entwickelt sich die Freiarbeit auch aus der Freiheitsdressur, muss ich erst noch etwas “verlangen”, bietet sie es mir danach immer wieder ohne Aufforderung an (zB Freispringen) und ich muss sie dann oft sogar bremsen, wenn sie müde wird und trotzdem weiter macht. Vielleicht sollte ich das aber auch konsequent trennen – Freiarbeit und Freiheitsdressur?

__________________________

Wenn Ihr gut damit klarkommt, ist doch alles in Ordnung. Ich denke, Pferdi würde Dir zeigen, wenn es das doof findet :-D
Tania

 

Von Anna • 29. August 2010

Liebe Tania,

Danke für diesen Beitrag – ich musste unweigerlich an diesen Spruch denken, kennst Du ihn?

Ein Freund ist jemand, der die Melodie Deines Herzens kennt und sie Dir vorsingt, wenn Du sie vergessen hast.

Auf die Gefahr hin “schnulzig” zu klingen, aber Du hast mir gerade tatsächlich wieder “meine” Melodie vorgesummt, ich weiß sie wieder!

Ich war nämlich gerade kurz davor zu vergessen, für was ich eigentlich aufgebrochen bin – gerade vor ein paar Tagen hatte ich Unterricht und zeigte, was mein kleiner Held in Freiheit macht, und da ging es auf einmal nur noch um Pünktlichkeit und Abrufbarkeit. Die letzten Tage begann ich fleißig daran zu feilen (der Ehrgeiz lässt grüßen), bin aber immer wieder über meine Gefühle dabei gestolpert.
Ein Glück habe ich gerade wieder bei Euch gestöbert und ein Glück hast Du dieses wundervolle Timing genau dann das zu schreiben, was ich gerade brauche…

Ich weiß wieder was ich will und welchen Weg ich mir eigentlich ausgesucht hatte – fast wäre ich “falsch” abgebogen.

Danke!

Alles Liebe!
Anna

_________________________

Ach, liebe Anna, ich freu mich riesig das hier so von Dir zu lesen!

Drück Dich,
Tania

 

Von Friesenherzchen (Bettina) • 20. Juni 2011

Liebe Tania, dein Artikel spricht auch mir aus der Seele und ich kann mich Evelyn aus dem ersten Kommentar nur anschließen. Mir (und meinem Pferd!) tut es sehr gut, hier Bestätigung dafür zu finden, dass Freiarbeit etwas ganz Wertvolles ist, denn bei mir im Stall gibt es fast niemanden der es macht.
Neben der Lust, miteinander zu laufen und zu spielen haben wir dabei auch spielerisch Rechtsgalopp geübt, was meinem Pferd sehr schwer fiel, irgendwann hat er angefangen selbständig zu üben, ich habe ihn gelassen und gelobt wenn es richtig war. Dabei bestand nie die Gefahr, dass er “unkontrollierbar” wurde. Jetzt springt er fast immer richtig an und wir können demnächst vielleicht unter dem Sattel daran anknüpfen.
Liebe Grüße von Bettina und Falko

____________________

Wow, klingt toll!

Weiter so!
Tania

 

 

Einen Kommentar schreiben

 

Die folgenden Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Ich bin Tania Konnerth und das sind meine beiden Hafis:

Mein Großer: Aramis, geb. 1992
Mein Kleiner: Anthony, geb. 2003

Aramis ist seit 1999 bei mir, Anthony seit 2006. Hier stelle ich die beiden vor und in diesem Blog berichte ich über das Lernen mit und von meinen Pferden und über unsere Entwicklung.

Ich bin Autorin und habe zusammen mit Babette verschiedene Selbstlernmedien erstellt.

Was ich sonst noch mache, ist auf www.taniakonnerth.de nachzulesen.